Bilanz

Kann elektrische Energie auch leitungsfrei übertragen werden? Um diese Frage zu klären wurden insgesamt fünf Gebiete betrachtet. Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Die Fakten

1. Es gibt elektrische, magnetische und elektromagnetische Wechselfelder. Davon eignen sich die magnetischen Wechselfelder zur Übertragung elektrischer Energie ebenso wie zur unmittelbaren Erzeugung von Bewegungsenergie. Der Energie-Inhalt elektrischer Felder ist dafür zu gering. Gleichfelder enthalten zwar Energie, übertragen aber keine. Die hochfrequenten elektromagnetischen Wechselfelder eignen sich zur lokalen Erzeugung von Wärme, wenn man sie räumlich eng begrenzt »einsperrt«. Im freien Raum sind sie – um 6 bis 9 Zehnerpotenzen schwächer – zur Übertragung von Daten, Nachrichten und Informationen reserviert, die nicht gestört werden dürfen.

2. Die elektrische Zahnbürste verbraucht über ihre Lebensdauer brutto etwa 100 kWh elektrischer Energie. Der Netto-Verbrauch (Entnahme aus dem Akkumulator) wurde grob zu 0,5 kWh geschätzt; macht einen Lebensdauer-Wirkungsgrad der induktiven Übertragung in der Größenordnung von 0,5%. Der Brutto-Verbrauch ist aber nicht erschreckend hoch. Die Kosten betragen (bei heutigen Strompreisen noch) einen Bruchteil des Kaufpreises für das Gerät und stellen somit keinen Grund zur Aufregung dar.

3. Die kathodenlose Induktions-Leuchtstofflampe erreicht fast den Wirkungsgrad einer herkömmlichen Leuchtstofflampe mit Vorschaltgerät. Man trifft sie aber in der Praxis höchst selten an, obwohl sie seit über 20 Jahren auf dem Markt verfügbar ist. Bei der anfangs um ein Mehrfaches längeren Lebensdauer haben nämlich die herkömmlichen Leuchtstofflampen in der Zwischenzeit mächtig aufgeholt. Dazu kommt die vermehrte Konkurrenz durch die LED-Lampen, die – zumindest vom Prinzip her; die Entwicklung steht hier noch am Anfang – die richtigen »Gene« für eine extrem lange Lebensdauer mit sich bringen.

4. Der Ersatz eines auf Schienen rollenden Rades durch einen geregelten Elektromagneten wird seit 1969 verfolgt. Seit 1971 ziehen Versuchsfahrzeuge ihre Runden. Man trifft die Schwebetechnik aber in der Praxis nahezu nirgends an – und wenn, dann nur auf unangemessen kurzen Strecken – obwohl die Technik seit über 20 Jahren auf dem Markt angeboten wird wie sauer Bier. Bei der anfangs deutlich höheren Leistungsfähigkeit haben nämlich die herkömmlichen Züge in der Zwischenzeit mächtig aufgeholt. Da heute alles, was neu auf den Markt gebracht werden soll, auf irgendeine Art und Weise als »Energie sparend« dargestellt werden muss, wird dem Transrapid – zumindest bei gleicher Geschwindigkeit – vom Hersteller ein niedrigerer Energie-Verbrauch als dem ICE attestiert. Die hierfür vorgebrachten Argumente sind jedoch alles andere als schlüssig: Der Transrapid hat eine größere Stirnfläche, fährt mit ständig angezogener Wirbelstrombremse und auf Rädern, deren pure Existenz schon Strom verbraucht, und er wird von viel zu langen Motoren angetrieben, die folglich immer zu einem erheblichen Teil ihrer gesamten Länge »leer laufen«. Besonders befremdlich, andererseits aber völlig berechtigt ist, dass der inzwischen schon ältere Transrapid die abgelegten Kleider des neuesten ICE aufträgt und sich dessen farbliche Gestaltung zu eigen macht (Bild 35).

5. Auch die magnetische Resonanz kann nicht bewirken, dass in die Landschaft gestreute Felder nur dort ankommen, wo sie genutzt werden sollen. Entweder elektrische Energie schwingt in einem Schwingkreis, oder sie wird dem Schwingkreis entnommen, um Kleingeräte bis zum Laptop-Computer zu speisen. Die Schwingung wird durch ihre Nutzung ausgebremst. Dazwischen gibt es keine weiter reichenden Kompromisse als man auch einer Kuh gleichzeitig Fleisch und Milch entnehmen könnte. Die erzeugten Streufelder und die damit verbundenen Energie-Verluste sind immens, aber die Reichweite ist trotzdem äußerst dürftig. Die Technik weist offensichtlich keinerlei praktischen Nutzen auf – sonst wäre sie seit Jahrzehnten, schon so lange wie es elektronische Frequenz-Umrichter gibt, kommerziell verfügbar.

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Die verbleibenden Rätsel

Die offene Frage ist dann, was die verschiedenen Organisationen davon haben, fortwährend Produkte und Techniken anzukündigen, von denen die beteiligten Techniker selbst ganz genau wissen müssen, dass die angepriesenen »Lösungen« vielleicht technisch funktionieren, aber niemals einen Markt werden hergeben können. Zeitungen und Zeitschriften brauchen Schlagzeilen, doch insbesondere die Veröffentlichungen im Internet, die den Leser nichts kosten und somit durch den Informationskonsum keinen direkten Umsatz erzeugen, geben in dieser Hinsicht Rätsel auf. Die genannten Mechanismen mit Sensationsmeldungen als Lockfutter für Werbelinks müssen nicht notwendigerweise als hinreichend, überzeugend und plausibel angesehen werden. Alle paar Wochen melden Rundfunk, Fernsehen, Tageszeitungen und die Fachpresse irgendwelche Bahn brechenden neuen Entwicklungen, von denen man anschließend nie wieder hört. Im Internet tauchen sie noch viel häufiger auf. Hier bleiben die »Karteileichen« sogar meistens liegen und können später zur persönlichen oder kollektiven Belustigung nachgelesen werden (»Seht mal, was die Leute letzten Monat noch glaubten!«).

In vielen Fällen beschränkt sich die Sensation auf die Überschrift, und im Text steht entweder gar nichts, nichts Schlüssiges oder, wenn schlüssig, dann das Gegenteil dessen, was die Überschrift besagt. »Markteinführung von Elektroautos startet«, titelt jede Woche irgendeine Zeitschrift, doch wie soll ein Auto, das – laut einer Tabelle im Text – für den dreifachen Preis nur ein Drittel leistet und daher zwar nur für Kurzstrecken geeignet ist, sich aber erst nach 475.000 km amortisiert, jemals vermarktet werden? Auch dieser Frage wird der »Elektropraktiker« demnächst nachgehen.

Das Beispiel zeigt einmal mehr: Wer, wie im »Elektropraktiker« üblich, technische Detail-Informationen veröffentlicht, macht sich angreifbar. Wo Zahlen, Daten, Fakten angegeben werden, können die Leser anfangen zu denken, nachzurechnen und unter Umständen unbequeme Fragen zu stellen, und dann treten die Ungereimtheiten zu Tage. Ein sich in Absichtserklärungen und hohlen Phrasen erschöpfender Text ist hiergegen immun. Man formuliert also besser »aalglatt«, so dass der Angriffspunkt für Fragen fehlt.

Als nächstes kommt vielleicht die Überschrift, Autos führen jetzt mit Wasser. Im Text mag der Artikel dann melden, jemand habe die vom Kraftwerk her bekannte »GuD«-Technik in sein KFZ eingebaut, also die Abwärme in einer Dampfturbine genutzt – weder neu, noch für das Auto praktikabel, aber warum nicht einfach mal publizieren? So oder ähnlich funktionieren die meisten dieser Meldungen. Hauptsache, von sich reden machen.

Auch Patente stellen, wie erwähnt, keinerlei Schutz vor solchem Unfug dar. »Patentiert« allein heißt noch gar nichts, noch nicht einmal, dass die patentierte Idee im Prinzip funktionieren würde. Die Umwandlung von Blindleistung in Wirkleistung – über einen Umweg ein wenig verbrämt, damit es nicht so auffällt – lässt sich ohne Schwierigkeiten patentieren, wie gehabt.

Politiker sind höchst selten Techniker und geben womöglich Fördermittel »zur weiteren Entwicklung dieser aussichtsreichen Technologie«. Wo diese Mittel dann versacken, ist schwierig nachzuprüfen. Die Kosten übersteigen unter Umständen die gewährte Summe, Prüfung also unwirtschaftlich. Außerdem hat der Politiker sich doch dadurch profiliert.

Bild 35: Transrapid08 im Gewand des ICE – wer ist denn hier wessen Vorbild?

Und diese Mittel schaffen Beschäftigung! Das ist auch ein Zauberwort der Politik, berücksichtigt aber nicht, dass jeder »wegrationalisierte« Arbeitsplatz die Wettbewerbsfähigkeit verbessert und damit die übrigen Arbeitsplätze ein paar Promille sicherer macht. Im einzelnen Fall weiß man nie, wo man sich auf dieser Gratwanderung gerade befindet, also lässt man das Totschlag-Argument »Arbeitsplätze« am besten ganz aus der Diskussion heraus.

Die Nachrichten-Übertragung ist übrigens die erste Anwendung der Elektrizität, also älter als die Energie-Übertragung. Die drahtlose Nachrichten-Übertragung ist fraglos ein Fortschritt, der wichtige Vorteile mit sich bringt. Die Nachrichten-Übertragung über Draht hat aber unter Umständen den Vorteil, dass ein Draht – oder eine Leitung mit mehr als zwei Drähten – gleichzeitig Nachrichten und Energie übertragen kann (Fernspeisung, EIB / KNX, Power over Ethernet, Powerline Communication, USB). Die nicht leitungsgebundene Energie-Übertragung ist nämlich, von dem oftmals erweckten Eindruck abweichend, keineswegs in Sicht.

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Die Fachpresse und das Internet

Das Internet hat sich sehr schnell zu einem unschätzbaren, unersetzlichen und unglaublich leistungsfähigen Werkzeug insbesondere in der Berufswelt entwickelt. Im Handumdrehen wurde es unverzichtbar. Ohne Internet-Zugang wäre heute fast jedes Unternehmen mit mehr als etwa 10 Mitarbeitern dem sicheren Untergang geweiht.

Dies führt jedoch dazu, dass man das Internet – trotz allem noch – überschätzt. Klar steht dort nahezu jede Information, die man in fast jeder beliebigen Lebenslage gerade benötigt, und ist dort immer sofort und fast immer kostenlos verfügbar. Das ist der sichere Tod für viele teure Fachzeitschriften – glaubte man anfangs. Die Redaktionen versuchten, sich davor zu schützen, dass die Inhalte ihrer Organe im Internet auftauchten, doch das war der falsche Weg. Heute stellt jede Fachzeitschrift von Rang und Namen ihre Inhalte im Internet zum Herunterladen zur Verfügung – die eine vollkommen kostenlos, die andere nur für Abonnenten, die dritte gegen eine kleine Gebühr und wieder eine andere zeitversetzt, und alle verkaufen sich weiterhin – nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Ganz im Gegensatz zu dem, was man ursprünglich befürchten musste, unterstützt das Internet die Fachpresse, und die Fachpresse verweist vielfach darauf, wo man im Internet weiter und tiefer gehende Informationen zu einem Thema bekommt. Statt Überlebenskampf mit ungleichen Startchancen ist eine Symbiose entstanden.

Die Informationssuche im Internet gestaltet sich nämlich äußerst mühsam, denn wer sämtliches Wissen gleichzeitig zur Verfügung hat, weiß zunächst einmal nur, dass er gar nichts weiß. Das Sprichwort von der Nadel im Heuhaufen wäre hier hoffnungslos untertrieben. Viele Stunden verbringt man – nein, nicht mit der Suche nach »potenziell relevanten« Informationen; die hat man viel zu schnell gefunden – sondern mit der Auswertung, Plausibilitäts- und Relevanzprüfung der viel zu vielen gefundenen Stellen, denn im Internet können und dürfen alle fast alles schreiben. Nichts muss stimmen. Oft ist die Herkunft nicht deklariert, die Gründe, warum jemand dies oder jenes veröffentlicht, sind ebenso unklar wie der Grund, warum genau diese oder jede Information eben nicht dort steht, obwohl die betreffenden Fakten bekannt sein müssten. Dahinter steckt doch eine bestimmte Absicht? Aber welche und wessen denn nur?

Genau dort setzen Fachzeitschriften an und bieten ihren Lesern zu den jeweiligen Themen eben dies: Die Essenz aus einem Wust heraus filtern, destillieren, komprimieren, auf Plausibilität prüfen und dann genau die Informationen bieten, die die Leser brauchen und die sie dann auch halbwegs entspannt lesen können. Internet-Recherche dagegen ist harte Arbeit, aber das kann oftmals Ihre Fachzeitschrift für Sie leisten.

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Schlussbemerkung

Bild 36: Wahrzeichen, Protz oder Kommerz? Oder alles in Dreieinigkeit?

In Paris steht ein Turm (Bild 36), der nur gebaut wurde, um zu zeigen, dass man ihn bauen konnte. Heute gibt es auch Bahnen, die nur gebaut werden, um zu zeigen, dass man sie bauen kann. Hierzu genügt jedoch eine einzige kurze Bahn pro Land. Ansonsten nutzen wir die uns vertraute Eisenbahn und genießen die immensen Fortschritte, die sie in den vergangenen Jahren gemacht hat. Dem Turm muss man zu Gute halten, dass er heute eine halbe Million Besucher im Jahr zählt, von denen jeder für den Aufstieg eine hübsche Summe in der Stadt lässt. Der Turm hat sich längst amortisiert. Das war jedoch weder vorhersehbar noch beabsichtigt. Ob die vielen Baureihen der verschiedenen Transrapid-Züge jemals so viele Besucher in die verschiedenen Museen locken werden, wo vier Stück von ihnen bereits stehen, so dass sie sich dort endlich amortisieren, darf bezweifelt werden. Ob auch die Drahtlos-Technik den damit und dafür getriebenen Aufwand – und sei es nur der Werbe-Aufwand für nicht existierende Produkte – durch Werbe-Einnahmen rechtfertigt, die wiederum für den anderen Geschäftspartner Werbe-Ausgaben sind, bleibt abzuwarten. Bis jetzt ist noch jede Seifenblase irgendwann geplatzt.