Nachbemerkungen zum Sprachgebrauch beim Reden über Oberschwingungen

»Wer in Elektrotechnik schlecht ist, muss wenigstens in Deutsch gut sein«, sagt ein schon bekannter Zyniker. Deutsche Normen folgen dem Prinzip, durch klar definierte Begriffe sowie andere Sprachkonventionen stets eindeutig und unverwechselbar auszudrücken, was gemeint ist. Jedenfalls im Prinzip besteht dieses Prinzip. Im Zuge der Globalisierung werden auch Normen heute vorwiegend auf internationaler Ebene erstellt, und VDE-Normen sind prinzipiell nur noch deutsche Übersetzungen von IEC-Normen. Freilich – die ersten der unzähligen Abkürzungen, die ein Neuling lernt, sind SCN (some countries note – auf bestimmte Länder anzuwendende Anmerkungen) und SNC (special national condition – besondere landesspezifische Bedingung; das kann geografische, klimatische oder technische, im Ausnahmefall auch politische Besonderheiten betreffen). Die wesentlichen Inhalte, sprich Anforderungen, sollten aber gleich lauten.

Fallen bei der Übersetzung

So sind auch die Modalitäten zur Übersetzung von Normen genormt, und heraus kommt ein Text, der sich nach Stil, Sprachgebrauch und Vokabular genau so liest wie eine Original-VDE-Norm. Nicht immer, aber immer öfter kommt es jedoch vor, dass eine provisorische Arbeitsübersetzung (»Lesehilfe«) ohne die routinemäßige Nachbearbeitung dazwischen rutscht. Die VDE 0838 ist ganz offensichtlich eines der Opfer:

»Die in Abschnitt 7 festgelegten Grenzwerte für Oberschwingungen gelten für die Außenleiter-Netzströme und nicht für die Ströme im Nullleiter«, heißt es dort (Absatz 6.2.1) unter anderem. Der vor Urzeiten nicht nur abgeschaffte, sondern wenig später auch geächtete »Nullleiter« hat so bei der Übersetzung aus der IEC 61000-3-2 den Weg zurück in eine nagelneue VDE-Norm geschafft.

»Der Mittelwert für die einzelnen Oberschwingungen, der über die gesamte Beobachtungsdauer gewonnen wurde, muss kleiner oder gleich den anwendbaren Grenzwerten sein«, liest man wenig später (Absatz 6.2.3.4). Ein ganz typischer Übersetzungsfehler hat sich hier ereignet, wie er immer wieder gern genommen wird: Es waren natürlich die »anzuwendenden Grenzwerte« gemeint. »Anwendbare Grenzwerte« darf man anwenden; »anzuwendende Grenzwerte« muss man anwenden. Im Englischen hieße es beide Male »applicable«; dies deckt beide Bedeutungen ab. Es ist bedauerlich, dass der Unterschied im Englischen verloren geht, aber damit muss man leben. Die falsche deutsche Wiedergabe weist den Nutzer jedoch in die falsche Richtung.

Besondere Freude kommt bei Sätzen wie z. B. jenem auf, der ganz allein für sich schon den kompletten Abschnitt 6.2.2 bildet:

  • »Um nicht eine Leistung anzugeben, bei der sich die Grenzwerte schlagartig ändern, wodurch sich ein Anlass für Zweifel, welche Grenzwerte gelten, ergeben würde, kann der Hersteller jeden Wert, der innerhalb ±10% des tatsächlichen Wertes liegt, angeben und diesen für die Bestimmung der Grenzwerte für die ursprünglich von ihm durchgeführte Konformitätsbewertungsmessung verwenden«.

Hier hat der Übersetzer aber überflüssigerweise eine Eigentümlichkeit der deutschen Sprache exzessiv ausgewalzt, die in der englischen Sprache gar nicht besteht. Dies kann also im Original so nicht gestanden haben und ist auch im Deutschen in diesem Maß weder notwendig noch schön noch für das Verständnis sinnvoll. Der Satz ließe sich durch zwei kleine Umstellungen schon geringfügig verbessern:

  • »Um nicht eine Leistung anzugeben, bei der sich die Grenzwerte schlagartig ändern, wodurch sich ein Anlass für Zweifel ergäbe, welche Grenzwerte gelten, kann der Hersteller jeden Wert angeben, der innerhalb ±10% des tatsächlichen Wertes liegt, und diesen für die Bestimmung der Grenzwerte für die ursprünglich von ihm durchgeführte Konformitätsbewertungsmessung verwenden«.

Auf typisch Normendeutsch jedoch läse sich der Satz wie folgt:

  • »Zur Vermeidung der Angabe einer Leistung mit sich sprungartig ändernden Grenzwerten, wodurch sich Anlass für Zweifel hinsichtlich der Gültigkeit der Grenzwerte ergäbe, kann der Hersteller jeden nicht mehr als ±10% vom tatsächlichen Wert abweichenden Wert angeben und diesen für die Bestimmung der Grenzwerte für die ursprünglich von ihm durchgeführte Konformitätsbewertungsmessung heranziehen«.

Eine gewisse Entflechtung hätte darüber hinaus die Lesbarkeit verbessert:

  • »Sich sprungartig ändernde Grenzwerte können Anlass für Zweifel hinsichtlich der Gültigkeit der Grenzwerte ergeben. Zu deren Vermeidung kann der Hersteller jeden nicht mehr als ±10% vom tatsächlichen Wert abweichenden Leistungswert angeben. Diese Angabe wird dann für die Bestimmung der Grenzwerte für die ursprünglich vom Hersteller durchgeführte Konformitätsbewertungsmessung herangezogen«.

Doch dies ist im Original-Normendeutsch leider auch nicht üblich.

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Terminologie

Noch während der laufenden Artikelserie (mit identischem Wortlaut wie hier) meldete sich ein Leser mit dem Hinweis, die Begriffe »Oberschwingungen« und »Harmonische« würden dort gemäß offizieller Definition »unsauber« verwendet. Dies war nicht das erste Mal; andere vertraten in Zuschriften auf frühere Veröffentlichungen schon die gleiche Ansicht. Tatsächlich gibt es eine – um sie einmal so zu nennen – orthodoxe Definition, die die Begriffe folgendermaßen sortiert:

1. Harmonische → Grundschwingung (50 Hz);

2. Harmonische → 1. Oberschwingung (100 Hz);

3. Harmonische → 2. Oberschwingung (150 Hz) usw.

Orthodoxe Definitionen haben zweifelsfrei etwas für sich, sonst ist die Begrifflichkeit schnell im Chaos versunken. Insbesondere wenn selbst die sonst so exakten VDE-Normen den Buchstaben S normalerweise definitionsgemäß für die Scheinleistung, je nach Lust und Laune aber hier und da auch einmal für die Querschnittsfläche eines Leiters verwenden, während nach internationaler Konvention Flächen mit A (area) zu bezeichnen sind, ist das nicht in Ordnung. Weitere Beispiele lassen sich finden. Im vorliegenden Fall aber ist es an der Zeit, die alte, nationale Festlegung zu den Akten zu legen. Dazu gibt es zwei Überlegungen:

Nationale Überlegung

Vom Gleichstrom- / Gleichspannungsanteil war schon die Rede. Fraglos ist es logisch, dass die 100-Hz-Schwingung die erste Oberschwingung darstellt, wenn die Grundschwingung eine Frequenz von 50 Hz aufweist. Dann passt der Gleichanteil, die nullte Harmonische, aber nicht mehr in dieses Schema hinein – es sei denn als -1. (»minus-erste«) Oberschwingung. Das geht so aber bei den Kritikern sicher auch nicht durch. Schon allein deswegen wurden im Vorliegenden die Begriffe »Oberschwingungen« und »Harmonische« synonym verwendet, und zwar die Nummerierung als den Ordnungszahlen der jeweiligen Schwingungen entsprechend aufgefasst.

Internationale Überlegung

Erschwerend kommt hinzu, dass heute, wie schon ausgeführt, die Erarbeitung von Normen auf internationaler Ebene und damit zunächst einmal in englischer Sprache durchgeführt wird. Die Übersetzung in 10 Sprachen erfolgt nach dem IEV (International Electrotechnical Vocabulary), das zudem einen nummerierten Index und diesem eindeutig zugeordnet in englischer, französischer, spanischer und deutscher Sprache zudem genaue Definitionen der Begriffe umfasst, und daraus geht eindeutig hervor:

  • Die »Harmonische« heißt auf Englisch »harmonic« (IEV 801-30-03);
  • die »Oberschwingung« hingegen heißt auf Englisch »harmonic« (IEV 101-14-51 u. a. Fundstellen)!

Hier bekommen die Orthodoxen ein Problem.

Es täte uns im Übrigen beispielsweise auch ganz gut, einmal zu überdenken, ob wir auf dem Unterschied zwischen Kabeln und Leitungen

  • Kabel (engl. cable; IEV 151-12-38) und
  • Leitung (engl. cable; IEV 151-12-27)

wirklich so lange herum reiten sollten, bis wir endlich merken, dass wir ein totes Pferd reiten. Ganz im Gegensatz zu den vorgenannten dient diese Unterscheidung nämlich zu nichts. Leiden wir denn an Problemmangel? Oder machen wir uns doch vielleicht manchmal das Leben etwas schwerer als unbedingt nötig?