Achtung: Quecksilber-Vergiftung!

Kompakt-Leuchtstofflampen haben nicht nur Freunde, denn sie sind zwar im Vergleich zu Glühlampen, die in der EU bereits abgeschafft wurden, um ein Mehrfaches effizienter, haben dafür aber ein paar andere Nachteile. Diese allerdings sind differenziert zu betrachten. So gibt es zwar nach wie vor keine Lampe, die weniger kompakt wäre als eine »Kompakt«-Leuchtstofflampe (KLL). Bei der Lichtfarbe und den ehemals schlechten Leistungen dieser Lampen unmittelbar nach dem Einschalten und bei niedrigen Umgebungstemperaturen hat sich aber mittlerweile einiges getan.

Und eines ist niemals so schrecklich gewesen wie es üblicherweise dargestellt wird: Leuchtstofflampen enthalten Quecksilber – allerdings schon immer seit der Erfindung der Leuchtstofflampe und nicht erst, seit sie »kompakt« wurde. Ein Gehalt von etwa 1 mg … 4 mg je Lampe wird genannt – egal, ob groß, klein, gerade, abgeknickt, kreisförmig oder spiralig gebogen. Die »Bürgerwelle Schweiz« rechnet als Folge des generellen Verbots von Glühlampen jährlich mit 600 kg zusätzlichem Bedarf, wenn diese durch Leuchtstofflampen ersetzt werden. Das klingt zunächst einmal nach viel, wenn man sich dies auf einem Haufen vorstellt, aber schon das täuscht. Mit seiner beträchtlichen Dichte von 13,7 kg/l füllt eine solche Menge des bei Raumtemperatur flüssigen Metalls nur knapp 5 Putzeimer. Alles ist relativ, und dies ist relativ wenig – wenn auch der Versuch, einen solchen Eimer hochzuheben, zum Scheitern verurteilt ist. Bestenfalls wird der Henkel abreißen.

Glühlampen-Verbot?

An dieser Stelle ist die Randbemerkung angebracht, dass es gar kein »Glühlampen-Verbot« gibt. Was damit gewöhnlich bezeichnet wird, ist eine Richtlinie mit bestimmten Mindest-Anforderungen an die Energie-Effizienz. Wie diese einzuhalten sind, bleibt der jeweiligen Technik überlassen. Sollte also irgendwann ein elektrischer Leiterwerkstoff entdeckt werden, der bei einer Temperatur in der Größenordnung von 6000 K einsatzfähig bleibt, so ließe sich damit eine Glühlampe mit einer Farbtemperatur von 6000 K und der gleichen Effizienz wie heutige KLL und LED-Leuchtmittel herstellen, die aber zudem mit einem nahezu kontinuierlichen Spektrum identisch dem Sonnenlicht aufwarten könnte. Eine solche Glühlampe dürfte dann auch in der EU weiterhin verkauft werden und wäre keineswegs allein auf Grund ihres Arbeitsprinzips verboten. Das gibt es nur bei LED, dass etwas allein deshalb gefördert wird, weil »LED« darauf steht und auf die tatsächliche Effizienz nicht mehr eingegangen wird.

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Alles ist relativ

Um nun aber mit der Relativierung fortzufahren, ist es zweckmäßig, sich den ungünstigsten aller denkbaren Fälle vorzustellen: Wenn nämlich die Menge Quecksilber, die in Ermangelung derart effizienter Glühlampen nun in den entsprechenden KLL zum Einsatz kommt, samt und sonders unsachgemäß entsorgt und schlimmstenfalls vollständig und gleichmäßig auf Europas Böden verteilt würde, gelängen gerade mal 60 Milligramm Quecksilber auf jeden Quadratkilometer!

Die weitere Relativierung, die immer und überall durchgeführt werden sollte, besteht in einem Vergleich der künstlich eingebrachten Menge mit den in der Natur ohnehin vorhandenen Mengen und Stoffströmen. Zwei Fundstellen im Internet und ein paar Dreisatz-Rechnungen reichen dazu aus: Ein Klick auf »Hg« im Periodischen System der Elemente erschließt, dass die Erdkruste zu 0,4 ppm (»Milli-Promille« – parts per million) aus Quecksilber besteht.

Zum Glück sind sich beide Fundstellen über die Definition von »Erdkruste« insofern einig, als diese bis 16 km Tiefe reicht. Nun fehlt noch deren Dichte. Diese wird mit etwa 2,7 kg/l für Kontinente und 3,1 kg/l unter den Meeren angegeben. Rechnen wir also mit 2,9 kg/l weiter. Mit 6300 km für den Erdradius und folglich 6284 km Radius für die »entkrustete« Erde kommen wir schnell auf ein Volumen von 8*109 km³ und eine Masse von 23*1018 t für die Erdkruste, davon 9,2*1012 t Quecksilber. Somit enthält im Schnitt 1 m³ Erdreich, Gestein, aber auch z. B. Kohle gut 1 g (oder 80 mm³) Quecksilber (Tabelle 8.1).

Tabelle 8.1
Tabelle 8.1: Quecksilber-Gehalt der Erde

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Quecksilber-Sparpotenzial von Leuchtstofflampen

Das erklärt auch, warum eine KLL – verglichen mit der hierdurch ersetzten Glühlampe – der Umwelt 10 Mal so viel Quecksilber erspart wie die KLL selbst enthält, sofern der Strom aus Kohlekraftwerken kommt: Wenn die KLL beispielsweise 50 W einspart und 10.000 Stunden brennt, dann hat sie am Ende 500 kWh elektrischer Energie eingespart. Dazu müsste ein Kohlekraftwerk anderenfalls etwa 150 kg Kohle verbrennen. Darin sind etwa 60 mg Quecksilber enthalten. Wenn die Filteranlagen davon z. B. »nur« 80% zurück halten können, gelangt so viel Quecksilber in die Umwelt wie in 10 KLL enthalten ist (Tabelle 8.2). Die Emissionen weiter zu reduzieren ist entweder gar nicht möglich oder verursacht an anderer Stelle wieder so viel Umweltschaden (vielleicht eine Reduktion des Kraftwerks-Wirkungsgrades um 0,1% oder zusätzlichen Verbrauch anderer Ressourcen bei der Errichtung oder der Abgasreinigung), dass sich die Maßnahme weder ökonomisch noch ökologisch rechnen würde. Soll aber der Ausstieg sowohl aus der Kernenergie als auch aus der Kohle jemals gelingen, so ist die Energie-Einsparung wahrscheinlich das wichtigste Standbein einer solchen »Energiewende«. Eine Rückkehr zur Technik der Glühlampen, die 4 Mal so viel Energie verbraucht, kann daher niemand mit »grünen« Argumenten ernsthaft fordern.

Tabelle 8.2: Grenzwerte für Quecksilber-Ausstoß von Kraftwerken
Tabelle 8.2: Grenzwerte für Quecksilber-Ausstoß von Kraftwerken

Ökobilanzen: Energieverbrauch führend

An dieser Stelle werden stets die anderen Umwelt-Einflüsse jenseits des Energieverbrauchs angeführt, die von Gewinnung, Verarbeitung, Transport und Entsorgung der gewonnenen Stoffe ausgehen und natürlich ebenfalls zu berücksichtigen sind. In den Ökobilanzen, die die EU im Vorlauf jedweder Verordnungen von spezialisierten Firmen durchführen lässt (denn dazu ist eine Verwaltungsbehörde selbst nicht in der Lage), stellt sich mit steter Regelmäßigkeit heraus, dass der Energieverbrauch die anderen Faktoren um ein Mehrfaches übersteigt. Beispielsweise bei einem sehr komplexen Produkt wie einem privat genutzten PKW, der es auf kaum 300 Betriebsstunden im Jahr bringt – und dies noch dazu tief im Teillast-Bereich; die Nutzung entspräche nur etwa 30 Volllaststunden jährlich – fällt die Bilanz ungefähr halbe / halbe aus (zu Deutsch »fifty / fifty«): Der Kraftstoffverbrauch verursacht also rund die Hälfte aller mit dem PKW in Verbindung gebrachter Umwelt-Einflüsse; die übrigen, wie Herstellung, Wartung, Instandhaltung, Entsorgung und z. B. Lärm (entsprechend bewertet) die andere Hälfte. Bei einem Leuchtmittel mit 3000 Volllast-Betriebsstunden im Jahr entfallen gut 80% bis 90% der Einflüsse auf den Stromverbrauch und alles, was daran hängt. Bei einer Glühlampe, die aus weit gehend unproblematischen Stoffen aufgebaut ist, aber einen unverschämten Energieverbrauch aufweist, sind es etwa 98% bis 99%.

Bei allen Ungenauigkeiten – um nicht gleich von Schätzwerk zu sprechen – womit solche Studien zwangsläufig behaftet sind, genügt es also, sich bei Ökobilanzen ganz auf den Energieverbrauch von Leuchtmitteln zu konzentrieren und den Rest zu vernachlässigen. Aber natürlich müssen zuerst die vollständigen Ökobilanzen durchgeführt werden um festzustellen, ob dies im jeweils vorliegenden Fall wirklich so ist!

Dies gilt bei nüchterner, sachlicher Beurteilung auch für das Quecksilber: Um den natürlichen Gehalt der obersten Bodenschicht bis 1 m Tiefe zu verdoppeln, müsste man auf jedem Quadratmeter europäischen Bodens mindestens 300 Leuchtstofflampen unsachgerecht »entsorgen«. Oder 300 Millionen Stück auf jedem Quadratkilometer – und von diesen hat Europa über 10 Millionen. Ginge es nur um Quecksilber, könnte also jeder europäische Haushalt 10 bis 20 Millionen KLL achtlos in die Landschaft werfen, ehe sich der Quecksilber-Gehalt im obersten Meter unserer Erde verdoppelt hätte. Wenn wir das tun, sind wir an ganz anderen Problemen wesentlich eher erstickt als am Quecksilber.

Nicht alles ist bioverfügbar

Allerdings ist dies auch wieder nicht die ganze Wahrheit. So einfach ist es nicht. Es kommt vielmehr darauf an, wie viel des jeweiligen Elementes »bioverfügbar« ist. Leider wird selten unterschieden, in welcher Form das chemische Element Quecksilber vorliegt:

  • Elementares flüssiges Quecksilber ist giftig, wird aber in dieser Form vom Körper nicht aufgenommen, ist also im Effekt ungiftig.
  • Elementarer Quecksilberdampf ist bei langfristiger Exposition giftig, bei gelegentlicher Exposition unschädlich.
  • Quecksilber-Salze (mineralische Verbindungen) sind vielfach – zum Teil sehr – giftig.
  • Organische Quecksilber-Verbindungen sind vielfach – zum Teil sehr – giftig.

In der Leuchtstofflampe ist elementarer Quecksilberdampf enthalten. Leider fehlen oftmals Angaben der Konzentration, bei der es kritisch wird – also ob es nun reicht, wenn man täglich eine Leuchtstofflampe im Wohnraum zerbricht, oder ob sich dies schon Tag und Nacht im Stundenrhythmus wiederholen muss, damit es zu einer gesundheitlich relevanten Dauer-Exposition kommt – während doch fast jeder von uns rund 100 Leuchtstofflampen im Mund hat. Auch aus den Amalgamfüllungen unserer Zähne löst sich unter den wechselnden chemischen Einflüssen hin und wieder mal ein Atom aus dem Verbund, aber bis zu den Konzentrationen, bei denen Quecksilber zum wirklich gefährlichen Gift wird, sind es noch einige Zehnerpotenzen hin. So darf auch 1 kg Muskelfleisch der meisten Speisefische 1 mg Quecksilber enthalten. Ehe man diese Menge ein einziges Mal im Leben über die Atemluft aufnimmt, wird man wohl ein einziges Mal im Leben in einem Raum von 100 m³ Volumen gleichzeitig etwa 1000 KLL zerbrechen und gut 2 Stunden darin verweilen müssen. Dieses Szenario geht davon aus, dass ein Mensch etwa 16 bis 18 Atemzüge zu je etwa 0,3 l … 0,5 l in der Minute macht und von dem in der eingeatmeten Luft enthaltenen Quecksilber – ganz pessimistisch geschätzt – doch tatsächlich 50% im Körper hängen bleiben. Wie gesagt: Dies ist das Äquivalent von 1 kg Seefisch.

Erhöhung des Quecksilber-Verbrauchs durch Quecksilber-Begrenzung

Dessen ungeachtet ist es interessierten Kreisen nun einmal gelungen, der Bevölkerung Vorbehalte gegenüber dem Quecksilber-Gehalt von KLL einzuimpfen – ursprünglich als Gegengewicht zur Industrie gemeint, die die Initiative zum »Glühlampen-Verbot« damals gestützt hatte, weil die Industrie dadurch nun sehr viel effizientere Lampen verkaufen kann, die sehr viel mehr kosten. Nun muss die Politik damit irgendwie umgehen. Der vordergründig am nächsten liegende Schritt besteht in einer Beschränkung des Quecksilber-Gehalts je Lampe. Die Industrie probiert derweil, mit wie wenig Quecksilber die Leuchtstofflampe denn überhaupt noch brennt – wohl wissend, was nun auch vom Umweltbundesamt zu erfahren ist: Die Lampe hält länger, wenn sie mehr Quecksilber enthält. Der Zusammenhang ist überproportional: Die Lampe mit weniger Quecksilber bringt also mehr Quecksilber in den Hausmüll, in die Natur oder wohin auch immer ein. Während dessen freut sich die Industrie, von Gesetzes wegen gezwungen zu werden, eine Lampe zu verkaufen, die bald wieder kaputt ist.

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Schlechte Politik, durch schlechten Journalismus schlecht verkauft

Wie die Opposition hierauf reagiert, liegt auf der Hand: Sie geißelt die Überregulierung in unserem Staate und propagiert wieder einmal einen Ausstieg aus einem Ausstieg: »Für NRW-Umweltminister Johannes Remmel (GRÜNE) muss eine Alternative zum Quecksilber gefunden werden. Ein Verbot von Glühlampen ist der falsche Weg. Es ist Ausdruck ökologischer Symbolpolitik, aktionistisch, bevormundend und überzogen. Verbote schränken die Entscheidungsautonomie von Verbrauchern unverhältnismäßig ein und sorgen auch nicht für die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz“, sagte Niedersachsens Umweltminister Stefan Birkner (FDP).« Durch Verknappung an Anführungszeichen wird unkenntlich, wo das eine Zitat anfängt und das andere aufhört. Man weiß nicht mehr, ob man aus Protest gegen die nun schon vor Jahren erfolgte Regulierung(swut?) seine Stimme der FDP oder den Grünen geben soll – wobei Letztere sich bislang nicht gerade durch die Ablehnung staatlicher Lenkungsmechanismen profiliert hat, aber man lernt eben täglich dazu. Doch wer in Deutsch schlecht aufgepasst hat, sollte nicht ausgerechnet den Journalismus zu seinem Broterwerb auserwählen. Der Elektriker, der bislang aus Gründen der Sicherheit immer eine grün-gelbe Leitung wählte, mag nun eher dazu neigen, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken.

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Markt

Bild 8.1
Bild 8.1: Diese Batterie gilt als quecksilberfrei, das heißt, sie ist zu »99,999% quecksilberfrei«; in anderen Worten: Sie enthält höchstens so viel Quecksilber wie eine KLL, die auch nur 0,001% Quecksilber enthält

Das war 2012 – ausgerechnet am 1. April. Märkte aber haben die Eigenschaft, mit veränderten Bedingungen und auch hieraus entstehenden – anfangs erheblich erscheinenden – Erschwernissen erstaunlich schnell fertig zu werden. Wenn die Industrie jetzt, wo die KLL sich auf dem Markt etabliert hat und die Preise dank Massenproduktion und Billig-Importen »ausgeknautscht« sind, diese Lampen wieder abschaffen und gegen die noch viel teureren LED-Lampen ausgetauscht sehen möchte, so kommt ihr das Quecksilber als Hebel gerade recht.

Dazu ist es noch nicht einmal erforderlich, dass die LED-Lampen noch effizienter arbeiten als die Leuchtstofflampen. Es genügt, wenn ein entsprechendes Missverständnis einmal im Markt besteht und gehegt und gepflegt wird; dann hält es sich erfahrungsgemäß Jahrzehnte, selbst wenn im Datenblatt und auf der Verpackung jeweils die Wahrheit nachzulesen ist. Verkaufsfördernd ist es dabei, besser nicht anzugeben, wie viel Quecksilber ein Produkt enthält, sondern wie viel Quecksilber es nicht enthält. Der Wahrheitsfindung dient dies allerdings auch wieder nicht, sondern eher einer verkaufsfördernden Wahrnehmung der Wahrheit (Bild 8.1).

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Abschließende Feststellungen

Umweltschutz ist viel zu wichtig, als dass man ihn durch unsachliche Diskussionen auf unangemessene Nebenkriegsschauplätze verschieben und dadurch diskreditieren dürfte. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht – der Einfachheit halber die Milliarden möglicher chemischer Verbindungen ignorierend – jedem der 92 Elemente, aus denen unser Planet besteht, eine hinreichende Toxizität zuordnen, um jedes von ihnen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit verdammen zu können. »Wenn die Erde nur hieraus bestünde, stürben alle Pflanzen« – das stimmt immer, in allen 92 Fällen, so dass wir eigentlich den ganzen Planeten abschaffen und entsorgen müssten. Bekanntlich führt z. B. auch der Konsum von Seewasser zum Tode. Die Konsequenz müsste also lauten, dass alle Ozeane sofort geleert, zumindest aber entsalzt werden müssten.

Was aus dem Boden kommt, muss auch wieder dorthin zurück gelangen dürfen, sonst interpretieren die Diplom-Skeptiker das Kürzel »ppm« wieder als »Panik durch Presse und Medien« – und »ppb« (parts per billion) wird ganz schnell in vermeintlicher Kenntnis der englischen Sprache als »Teil pro Billion« übersetzt. Schon erhält das Ergebnis drei Nullen zu viel, denn »billion« heißt auf Deutsch »Milliarde«. Die Macht der Million liegt in den Nullen (Gabriel Laub). Die wirklich drängenden Probleme werden dann nicht mehr wahr- und der Umweltschutz nicht mehr ernst genommen. Das darf nicht passieren.

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